Archiv des leisen Verlustes.
Deutsche Kirchenarchitektur der Südukraine im Schatten des Krieges (Mykolajiw, Odessa und Cherson)
Vorwort zur digitalen Ausstellung
Die digitale Ausstellung versammelt acht eindrucksvolle Ölbilder eines bedeutenden ukrainischen Malers, der den bedrohten deutschen Kirchen in der Südukraine am Schwarzen Meer ein künstlerisches Denkmal setzt. Professor Mykola Dmitrukh erinnert sich in seinen Gemälden an seine Kindheit inmitten einer besonderen Landschaft, die jahrhundertelang geprägt war von Austausch, vom Leben mit der Natur, aber auch von Einflüssen, die über das Schwarze Meer ins Land kamen.
Der Maler stellt die Kirchen nicht nur als Bauwerke aus Stein in der Landschaft dar, sondern auch als Zeugnisse von Erinnerung, Glauben und kultureller Kontinuität. Heute stehen sie im Schatten eines Krieges, der ihre Mauern erschüttert und ihre Umgebung verwundet. Viele Gotteshäuser erleben, genauso wie die Menschen, den Krieg in unmittelbarer Nähe und werden selbst zu Opfern russischer Raketenangriffe.
Die Bilder geben keine abstrakte Zerstörung wieder, sondern Eindrücke konkreter Orte, an denen Geschichte, Hoffnung und menschliches Leben über Jahrhunderte hinweg miteinander verbunden waren. So werden die alten Gebäude und ihre Bausteine zum Symbol der Dauer und zugleich der Verletzlichkeit.
Jeder Riss im Mauerwerk erinnert aber daran, dass, genauso wie die Menschen, auch Kultur und Erinnerung bedroht sind, und dies umso mehr, weil die Kirchen als stumme Zeugen der Vergangenheit von aus Russland gestarteten Raketen getroffen und zerstört werden. Die deutschen Kirchen in der Ukraine erzählen von Jahrhunderten gemeinsamer Geschichte, von Ansiedlung, Arbeit, Glauben und kulturellem Austausch. Sie bewahren Spuren des deutschen Kulturerbes, das tief mit der südukrainischen Geschichte verwoben ist. Deshalb trifft die Gewalt des Krieges nicht nur Gebäude, sondern auch das kulturelle und ideelle Gedächtnis der Ukraine, ja ganz Europas. Der Krieg Russlands ist nicht nur ein militärischer und imperialer Krieg, sondern auch ein Krieg gegen Zivilisation, Identität und Kultur.
Die Ölbilder halten einen Moment fest, in dem Vergangenheit und Gegenwart schmerzhaft aufeinandertreffen. Zwischen Licht und Schatten entstehen stille Zeugnisse von Verlust, Standhaftigkeit und Würde; grelle Farbschattierungen versinnbildlichen Gefahren, Verwundung und Bewusstsein über zeitliches, räumliches und menschliches Vergehen.
Die Kirchen erscheinen (noch) als steinerne Hüter der Erinnerung, die trotz aller Verletzungen bestehen. Kultur ist aber nichts Selbstverständliches, sondern muss geschützt und bewahrt werden, weil sie den Menschen auf ihrer Suche nach dem Guten, Wahren und Schönen helfen kann. Die Bilder laden dazu ein, nicht nur als Kunstwerke gelesen zu werden, sondern auch als Ausdruck einer bedrohten Geschichte.
Die Kirchen haben den Ersten Weltkrieg, den Russischen Bürgerkrieg und den Zweiten Weltkrieg sowie die Verwahrlosung und Zweckentfremdung während der sowjetischen Zeit überlebt; wie werden sie den Krieg Russlands gegen die Ukraine – im wörtlichen Sinn – über„stehen“? Bleiben sie Bausteine in die Zukunft?
Katrin Boeckh
I. Künstlerische Reflexion – Visualisierung der Verluste
Die Rolle der Kunst in der Archivierung des Gedächtnisses
Dieses virtuelle Archiv geht über die reine wissenschaftliche Dokumentation hinaus, indem es das historische Fotomaterial und die aktuellen Daten des Verlusts mit der zeitgenössischen künstlerischen Aufarbeitung von Mykola Dmitrukh kombiniert.
Dialog der Medien
Die Abbildungen dienen nicht nur als visuelle Ergänzung, sondern als zentrales Element der emotionalen Vermittlung.
Jedes Werk von Dmitrukh stellt einen Dialog zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart her. Wo die historischen Fotos die Architektur in ihrer Blütezeit zeigen, fokussieren die Zeichnungen auf deren aktuelles, gefährdetes oder bereits zerstörtes Dasein.
Die Abbildung als Zeugnis der Verwundbarkeit
Die bewusst gewählte Technik der Abbildung (im Gegensatz zur Fotografie) hebt die menschliche Dimension des Verlusts hervor:
Reduktion auf das Wesentliche: Die Abbildung isoliert das architektonische Objekt von der Hektik des Alltags und konzentriert den Blick auf seine Struktur und seine Verletzungen.
Visualisierung des Abwesenden: Dmitrukhs Werke visualisieren nicht nur den aktuellen Zustand des Gebäudes (Beschädigung, Verfall), sondern auch die Abwesenheit der ursprünglichen Gemeinschaft und die Leere, die durch Vertreibung (1941/1944) und Krieg (2022ff.) hinterlassen wurde. Sie werden zu „Grabsteinen der Erinnerung“, die von der endgültigen Zerstörung zeugen.
Appell an die Dringlichkeit: Im Kontrast zu den klinischen Daten über Schäden rufen die Abbildungen eine emotionale Reaktion hervor und unterstreichen die Dringlichkeit, das verbleibende Kulturerbe zu schützen und die Verluste zu archivieren, bevor die Erinnerung daran verblasst.
Durch die Gesamtheit seiner Werke schafft Mykola Dmitrukh ein „Visuelles Archiv der Verluste“, das die Komplexität und die Tragödie der deutschen Siedlerkultur im Kontext des Krieges auf eindringliche Weise darstellt.
Bildrechte:
Alle grafischen Werke sind Originale von Mykola Dmitrukh, bestätigt durch seine Signatur „Дмітрух“ auf den Werken.
Wir bedanken uns herzlich bei Uliana Kovalchuk/Уляна Ковальчук für die Erstellung der Photographien von den Originalen.
II. Mykola Dmіtrukh. Der Maler und seine Lyrik
„Mit Pinsel und Feder schreibe ich
über die Steppe, in der ich aufgewachsen bin“.
Die historische Ansiedlung der Deutschen und die aktuelle Bedrohung des Erbes
Die Südukraine, gezeichnet durch die Weite der Steppe und geprägt durch die fruchtbaren Böden des Schwarzen Meeres, war seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Schauplatz einer bedeutenden deutsch-mennonitischen Besiedlungsgeschichte. Dieses Zeitalter markierte einen Wendepunkt in der Außenpolitik des Russischen Reiches und öffnete die Region für gezielte Kolonisationsprogramme. Diese Migration schuf entlang der Flüsse und Limanen ein einzigartiges kulturelles Terrain: Kolonien wie Blumenfeld (heute Krasnopillia) wurden zu Mikrokosmen, deren Bausubstanz – die massiven, glasierten Steinhäuser, die artesischen Brunnen und die neugotischen Kirchen – einen deutlichen westlichen Akzent in der eurasischen Landschaft setzten.
Die Architektur der Erinnerung als „Festung“
Der Maler Mykola Dmіtrukh, der 1954 in der ehemaligen deutschen Kolonie Blumenfeld (Gebiet Mykolajiw) geboren wurde, beschreibt diese Bauten als „Musik in Stein“ und als „visuelle Signatur“ seiner Heimat. Dmіtrukhs Familiengeschichte selbst spiegelt die Gewalt der Verschiebungen des 20. Jahrhunderts wider – aus der polnischen Cholmer Region 1945 in die Ukrainische SSR deportiert und schließlich in der ehemaligen Kolonie angesiedelt. Für ihn wurde die Heimat, die er kannte, zu einem Schutzraum: „Ich wollte immer hier sein, hinter der Mauer in meinem Hof, wie in einer Festung.“
Dieses Gefühl der Heimat, das in den steinernen Relikten einer fremden, aber adoptierten Kultur verwurzelt ist, bildet das emotionale Fundament der hier präsentierten Werke. Der Maler erinnert sich an seine Kindheit, die er inmitten der stillen, aber melancholischen Pracht dieser Architektur verbrachte: die alte Schule neben der Kirche und die Betonplatten der Friedhöfe, die seither verschwunden sind. Dmіtrukh sieht das Dorf, in dem er aufwuchs, als „ethnographisches Museum unter freiem Himmel“ und die steinernen Relikte der Kolonie, wie die majestätische Kirche, als „Zeichengebäude – eine Visitenkarte“, die von Weitem sichtbar war.
Bereits Dmitrukhs Mutter war Malerin. In Ternopil, wo er lebt, wurde im Mai 2026 zu ihrem 100. Geburtstag eine Ausstellung organisiert. Das Medienportal Teren berichtete darüber ausführlich [Abruf 9.6.2026]:
- https://teren.in.ua/news/vona-ne-shkoduvala-dlya-mene-bilih-stin-vidomiy-hudozhnik-z-ternopolya-vidkriv-vistavku-prisvyachenu-storichchyu-materi-foto-video_415439.html
- https://www.youtube.com/watch?v=ZTvWVA-RrXo
2026 wurde in Ternopil eine Ausstellung eröffnet, die Bilder der Malerfamilie Dmitrukh zeigt. Mehr erfahren: https://teren.in.ua/news/u-ternopoli-vidkrili-rodinnu-vistavku-kartin-troh-mitciv-video_416037.html
Der „Lärm“ als Zerstörung und Verdrängung
Dieses fragile kulturelle Gedächtnis steht seit dem 24. Februar 2022 unter massiver Bedrohung. Die Ausstellung „Archiv des leisen Verlustes: Deutsche Kirchenarchitektur der Südukraine im Schatten des Krieges“ zielt darauf ab, die systematischen und akzidentellen Verluste des deutschen Kulturerbes in der Kriegszone der Südukraine zu dokumentieren.
Die künstlerische Methode von Mykola Dmіtrukh dient dabei nicht nur der Illustration, sondern auch der Interpretation dieses Verlustes. Seine Werke, die eine Abstraktion und Reduktion historischer Bauten auf geometrische Formen nutzen, thematisieren den „Schum“ (Lärm), der diese Spuren überlagert.
Der Begriff „Schum“ (Lärm) in diesem Kontext ist zweifach zu verstehen:
- als externer Lärm: die physische Gewalt des Krieges, der Beschuss, der Ruin, der die Bausubstanz zerstört,
- als interner Lärm: die psychologische Spannung, die Angst und die Entfremdung, die das kulturelle Gedächtnis verdrängen und die Verbindung zur Vergangenheit kappen wollen.
Durch die Reduktion auf die Essenz zwingen Dmіtrukhs Werke den Betrachter, durch den Lärm hindurchzublicken, die verblassende Erinnerung zu suchen und die Bedeutung dieser kulturellen Ankerpunkte in der Kriegslandschaft neu zu bewerten. Die Archivierung der Verluste ist somit eine aktive Abwehr des Lärms, der das historische Erbe zu neutralisieren droht.
III. Künstlerische Reflexion: Lyrik aus der Steppe
von Mykola Dmytrukh
Wo hast du geruht,
mein Erster, mein Landsmann?
Blumenfeld
In der Kirche und den massiven Steinhäusern der wohlhabenden Gehöfte, oft bedeckt mit glasierten Ziegeln und Ornamenten, war eine gewisse Traurigkeit zu spüren. Oder kam es mir nur so vor?
Alles hier war mir vertraut und nah, weil ich hier geboren wurde und aufwuchs und meine besten Jahre in einer großen Familie verbrachte.
Und obwohl es hier weder Oberleitungsbusse noch Straßenbahnen gab, keinen Zoo, keinen Zirkus, und man manchmal im Sommer Eis brachte – ich liebte mein Dorf über alles, ohne das ich keinen einzigen Tag existieren konnte.
Damals ähnelte das Dorf einem ethnographischen Museum unter freiem Himmel, in dem man die Dialekte verschiedener Länder hören konnte, denn in dieses verwüstete „Land“ zogen Vertriebene, die eine ihnen fremde und bis dahin unbekannte Region erschlossen, die für die hier Geborenen zur Heimat wurde.
Meine Familie stammt aus dem Cholmer Land (heute Polen, der östliche Teil). Im Jahr 1945 wurde die Familie in die Ukrainische SSR deportiert, danach gab es noch zwei Umsiedlungen innerhalb der Ukrainischen SSR, die letzte in die Region Mykolajiw, genauer gesagt in das Dorf Krasnopillia (bis 1944 die deutsche Kolonie Blumenfeld).
Genau hier wurde ich 1954 geboren und verbrachte hier meine ersten 16 Jahre – meine besten. Dort lernte ich zu gehen und zu sprechen, und dort begann ich zu malen …
Außerdem zog mich die alte Archäologie sehr an, der Himmel in riesigen Findlingen, mit denen die Gegend gefüllt war. Sie schienen mir lebende Wesen zu sein, die in die Erde wuchsen, oder sie wurden von den Wassern des Tylihul-Limans umspült, zu dem es nur sieben Kilometer waren, und zum Schwarzen Meer etwa 25 Kilometer.
Ein gesegnetes Land, klebriger Schwarzerde-Boden, Weizenfelder, Melonenfelder, Weinberge und der Duft von Wermut und Brot, und die aufrichtige, warme Sonne, und der Geschmack des Wassers aus dem „süßen Brunnen“ (bis in die 1950er Jahre war dies der einzige Brunnen im halben Dorf, der Frischwasser führte; alle anderen Brunnen lieferten Salzwasser). Mir schien, als wäre ich wie jener Stein in der Steppe, alt, mit Moos bewachsen, schon lange hier aus uralten Zeiten und ich würde immer hier sein, denn ich kannte damals keine andere Erde.
Alles war mir hier vertraut, ich wollte damals nicht in ein fremdes Land, ich wollte immer hier sein, hinter der Mauer in meinem Hof, wie in einer Festung. Meine ersten Schuljahre verbrachte ich in der alten deutschen Schule gegenüber der Kirche. Die Kinder rannten in den Pausen oft zur Kirche und stiegen die Wendeltreppe hinauf, um sich aus dem Fenster vor den Altersgenossen zu brüsten, nach dem Motto, wer wir sind …
Ja, es war ein Zeichengebäude – eine Visitenkarte, die von überall her sichtbar war, weil sie auf einer Anhöhe inmitten des Dorfes stand, noch höher war der Friedhof. Ich erinnere mich an seine Betonplatten auf den Gräbern, die Reliefkreuze sowie die Metallkreuze und Zäune. Jetzt gibt es den Friedhof nicht mehr.
Ich erinnere mich an die Kirche, die damals mit bereits verrostetem Blech bedeckt war. Damals gab es keinen Turm, und deshalb wirkte sie gedrungen, schwerfällig … Ich schaute sie mir immer gerne an, sie erschien mir irgendwie geheimnisvoll und gleichzeitig anziehend, majestätisch inmitten der Steinhäuser ihrer ehemaligen wohlhabenden Besitzer, ihrer Wirtschaftshöfe, Brunnen, der „Byseni“ (Zisternen) zum Sammeln von Regenwasser, der mit Wildstein gepflasterten Bürgersteige entlang der verputzten Mauern. Dennoch verbarg sich in dieser Erhabenheit eine verborgene Traurigkeit in jedem Bauwerk, und auch in der Kirche, die weit außerhalb des Dorfes sichtbar war, die dir scheinbar zusah, wenn du außerhalb des Dorfes warst, auf dich wartete, dich vermisste. Dies ist das Wahrzeichen der deutschen Kolonie, ohne sie wäre sie gesichtslos, hier liegt ihr Akzent – Musik in Stein.
Schon mehr als ein halbes Jahrhundert lebe ich nicht mehr dort in meinem Heimatort Krasnopillia, aber ich bin immer in Gedanken dort, es träumt mir davon, ich liebe und vermisse die Steppe, ich male sie und schreibe über sie, denn dort verbrachte ich meine besten Jahre der Kindheit und Jugend.
An den Damm geschmiegt, schlummerte ein Teich, dichter Nebel, von der spitzen Kirche durchdrungen. Es dämmert …
Mein Dorf erhebt sich als Ruine.
Nur die Mauern der Kirche schreien zum Himmel.
Ich erinnere mich noch an dich,
Und erinnerst du dich noch an mich, als ich klein war? …
Моє село руїною встає.
Лиш стіни Кірхи
До небес волають.
Я пам’ятаю ще тебе,
А ти мене малим ще пам’ятаєш?...