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ZWISCHEN SPRACHEN UND KULTUREN: UKRAINISCHE STIMMEN IN DER DEUTSCHSPRACHIGEN GEGENWARTSLITERATUR

Erstellt von Oleksii Ankhym, Staatliche Ivan Franko Universität Zhytomyr, Ukraine | | Blog-Beitrag

Abstract

Der vorliegende Beitrag beleuchtet die literarischen Stimmen ukrainischer Herkunft in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur aus transnationaler und kulturwissenschaftlicher Perspektive. Anhand ausgewählter Werke von Deutsch schreibenden AutorInnen wie Katja Petrowskaja, Marjana Gaponenko, Dmitrij Kapitelman, Lana Lux und anderen wird untersucht, welche Themen in ihren Texten verhandelt werden und wie Erfahrungen von Migration, Mehrsprachigkeit und hybrider Identität literarisch gestaltet und übersetzt werden. Besondere Aufmerksamkeit gilt der ästhetischen Dimension dieser Texte, insbesondere der darin enthaltenen literarischen Mehrsprachigkeit, den dynamischen Raummodellen und Figuren sowie den auto- und heterostereotypen Darstellungen Deutschlands und der Ukraine. Die Analyse zeigt, dass diese AutorInnen nicht nur persönliche und kollektive Erinnerung literarisch verhandeln, sondern auch neue Räume für transkulturelle Vermittlung schaffen. Ihre Texte überschreiten kulturelle und sprachliche Grenzen und tragen wesentlich zur Pluralisierung des literarischen Diskurses im deutschsprachigen Raum bei.

Einleitung

In der heutigen Literaturwissenschaft und Kulturforschung wird zunehmend die Tendenz zur Auflösung ethnischer, nationaler und kultureller Grenzen zum Gegenstand wissenschaftlicher Reflexion, die sich im interdisziplinären Raum entfaltet. Begriffe wie „Nation“, „Kultur“ und „Identität“ gelten nicht mehr als stabile Kategorien. Als Folge aktueller kultureller Transformationen, politischer Umbrüche und globaler Prozesse der Globalisierung, die neue Formen der Mobilität ermöglicht haben, werden Grenzen relativ, während Mobilität zu einem zentralen Merkmal menschlicher Existenz in der modernen Welt wird. Zwar stellen Migrationsbewegungen über nationale Grenzen hinweg kein neues Phänomen in der Weltgeschichte dar, doch gerade im Zeitalter der Globalisierung gewinnen sie eine neue Dimension, indem sie sich zu einer Existenzform entwickeln, die nationale Rahmen überschreitet und das Konzept des Nationalstaates infrage stellt. Wie K. Esselborn feststellt: „Während die alten Bilder der Migration als Flucht und Auswanderung noch das Leitbild der Sesshaftigkeit des Menschen und die Vorstellung einer homogenen geschlossenen nationalen Kultur im Sinne der Nationalidee des 19. Jahrhunderts voraussetzen, ist im Zeitalter der Mobilität, der Globalisierung und des Tourismus  

Migration wird zu einer spezifischen Lebensform des heutigen Individuums, das ein multilokales Leben führt und nicht eindeutig über seinen Aufenthaltsort identifiziert werden kann. Der moderne Migrant wird zunehmend als „Transmigrant“ beschrieben – also als „jemand, der in mindestens zwei sprachlich, kulturell und national verschiedenen Kontexten aufgewachsen ist und sich weiterhin in solchen Kontexten bewegt, bereits in verschiedenen Ländern gelebt hat, sich in Bezug auf Aspekte wie ,Heimat‘, ,Identität‘, ,Lebensmittelpunkt‘, ,Integration‘ oder ,Zukunft‘ nicht eindimensional verorten kann bzw. will, und nicht eindeutig sagen kann, wo er in drei oder fünf Jahren leben wird bzw. will“ [Aydin, 2011, S. 68].

Als solche TransmigrantInnen lassen sich jene zeitgenössischen deutschsprachigen AutorInnen ukrainischer Herkunft betrachten, die in den letzten zwei Jahrzehnten mit ihren Werken einen bedeutenden Beitrag zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur geleistet haben. Dazu zählen etwa Marjana Gaponenko, Katja Petrowskaja, Dmitrij Kapitelman, Lana Lux, Jan Himmelfarb, Dmitrij Belkin, Yevgeniy Breyger, Tanja Maljarchuk und Dmitrij Gawrisch. Diese AutorInnen verbindet ein gemeinsamer Hintergrund: ihre Migrationsbiografie sowie ihre kulturelle Verankerung sowohl in der ukrainischen als auch in der deutschsprachigen Welt. Diese doppelte Zugehörigkeit spiegelt sich in ihren Texten in Form einer intensiven kulturellen Durchdringung wider. Im Fokus steht daher die deutsch-ukrainische transnationale Literatur, ein bislang wenig erforschtes Segment der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

So hat dieser Beitrag vor, mit dem Fokus auf Deutsch schreibende AutorInnen ukrainischer Herkunft den Diskurs um einen „eastern turn“ bzw. eine Osterweiterung in der deutschsprachigen Literatur weiterzuführen und zu untersuchen, wie diese AutorInnen die deutschsprachige Gegenwartsliteratur bereichern, welche Themen, Sprachen und kulturellen Bezugssysteme sie einbringen und auf welche Weise sie bestehende literarische Normen herausfordern.

Hauptteil

Alle oben genannten AutorInnen wurden in der Ukraine geboren, aber sie leben und schreiben heute im deutschsprachigen Raum. Die meisten von ihnen haben die Ukraine Anfang der 1990er-Jahre unter verschiedenen Umständen verlassen. In den letzten Jahren – insbesondere seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine – ist ihre Zahl jedoch durch neue literarische Stimmen gewachsen, etwa durch Julia Solska und Yevgenija Belorusets, die kürzlich ihre ersten deutschsprachigen Werke veröffentlicht haben. All diese AutorInnen nehmen eine prominente Stellung in der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur ein und wurden für ihre Werke mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt. Viele von ihnen schreiben nur auf Deutsch, dabei nutzen sie die Sprache der neuen Umgebung nicht nur als Ausdrucksmittel, sondern auch als ein literarisches Werkzeug zur Selbstpositionierung. Ihr literarisches Schaffen bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Herkunft und Ankunft, Krieg und Frieden, Sprachen und Kulturen und bringt neue Perspektiven, Themen und stilistische Nuancen in den deutschsprachigen Literaturraum ein. In einer Zeit geopolitischer Umbrüche, insbesondere seit dem Beginn des russisch-ukrainischen Krieges, gewinnt diese literarische Bewegung eine zusätzliche politische und kulturelle Relevanz.

Es ist wichtig zu beachten, dass diese AutorInnen mit ihren Werken oft mit der Vorstellung einer „Migrationsliteratur“ brechen, indem sie sich nicht auf eine Opfererzählung reduzieren, sondern mit stilistischer Brillanz universelle Themen verhandeln. Somit gehören ihre Werke zur transkulturellen/transnationalen Literatur, die kulturelle Grenzräume überschreitet und einen literarischen Dialog zwischen dem ukrainischen und dem deutschsprachigen Raum ermöglicht. Beispielsweise greift Marjana Gaponenko, 1981 in Odesa geboren, in ihren Romanen globale existentielle Themen auf, die sie in einem weiten kulturellen, historischen und philosophischen Kontext behandelt. Ihre Romane, darunter Wer ist Martha? (2012), sind geprägt von elegantem Sprachwitz, intellektuellem Spiel und einem liebevoll ironischen Blick auf das Altern, die Erinnerung und die kulturellen Gegensätze zwischen Ost und West.

Katja Petrowskaja, geboren 1970 in Kyjiw, wurde durch ihren autobiografischen Roman Vielleicht Esther (2014) international bekannt. In einem fragmentarisch-poetischen Stil erzählt sie die Geschichte ihrer ukrainisch-polnisch-jüdischen Familie – ein Versuch, Erinnerung literarisch zu rekonstruieren, ohne sie zu glätten. Das Buch verknüpft persönliche Geschichte mit kollektiver Erinnerung und erschließt durch formale Brüche neue Wege der Narration. Der Roman operiert mit postmemorialen Narrativen [Hirsch, 2008] und ist auch ein markantes Beispiel der Bildung von transnationalen Erinnerungskulturen, „in denen divergente Deutungen aufeinandertreffen, Ereignisse neu bewertet und tradierte Narrative befragt und transformiert werden“ [Tippner, 2019, S. 156].

Jan Himmelfarb, 1985 in Charkiw geboren, verwendet auch postmemoriale Narrative und zeichnet in seiner Prosa – etwa in Sterndeutung (2015) – das Leben zwischen jüdischer Identität, sowjetischer Vergangenheit und deutscher Gegenwart nach.

Dmitrij Kapitelman, 1986 in Kyjiw geboren, setzt sich in seinen autofiktionalen Werken mit Zugehörigkeit, Identität und Herkunft auseinander. In seinem Buch Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters (2016) beschreibt er die Reise mit seinem jüdisch-ukrainischen Vater nach Israel, auf der Suche nach Wurzeln, die sich immer weiter entziehen. Kapitelmans Stil ist lakonisch, ironisch, aber gleichzeitig tief empfunden. Dieses und andere Werke Kapitelmans sind bezeichnend für die Konstruktion zeitgenössischer transnationaler Identitäten [Reisenauer, 2019] und insbesondere der zeitgenössischen deutsch-jüdischen Identität [Bischoff, Tippner, 2018].

Auch Dmitrij Belkin, 1971 in Dnipropetrowsk (heute Dnipro) geboren, ist Schriftsteller und Aktivist, der in Essays, Prosa und öffentlichen Reden das jüdisch-ukrainisch-deutsche Beziehungsgeflecht analysiert. Das Hauptthema seiner Werke – insbesondere des Romans Germanija (2016) – ist die Konstruktion einer neuen jüdischen Identität sowie die Suche nach einem Platz in der deutschen Gesellschaft und innerhalb der deutsch-jüdischen Gemeinschaft.

Lana Lux, 1986 in Dnipropetrowsk geboren, hat mit ihren Romanen Kukolka (2017), Jägerin und Sammlerin (2020) und Geordnete Verhältnisse (2024) berührende Coming-of-Age-Geschichten geschrieben, die von Armut, Gewalt, Hoffnung und Überlebenswillen erzählen. Ihre Protagonistinnen durchlaufen oft eine harte Kindheit in der Ukraine und suchen später in Deutschland nach Orientierung.

Yevgeniy Breyger, 1989 in Charkiw geboren, hat sich als eine der wichtigsten lyrischen Stimmen seiner Generation etabliert. Breyger hat mehrere Gedichtbände veröffentlicht, in denen er Themen wie Identität, Erinnerung und interkulturelle Begegnung behandelt. Seine Lyrik ist geprägt von einer tiefen Auseinandersetzung mit Fragen der Selbstverortung und Zugehörigkeit und spiegelt seine persönliche Erfahrung des Lebens zwischen verschiedenen Kulturen und Sprachen wider. Breygers Sprache ist fragmentarisch, rhythmisch und mehrstimmig. Darüber hinaus vereinen seine Gedichte oft Elemente aus dem Ukrainischen, Russischen, Jiddischen und Deutschen, wobei die Sprachwahl stets ein Teil der poetischen Strategie ist.

Besonders eindrucksvoll ist auch die Stimme von Ingeborg-Bachmann-Preis-Trägerin Tanja Maljartschuk, 1983 in Iwano-Frankiwsk geboren, die ursprünglich auf Ukrainisch schrieb, aber heute überwiegend auf Deutsch publiziert. Das zentrale Thema von Tanja Maljartschuks auf Deutsch verfassten Werken – insbesondere ihres preisgekrönten Textes Frösche im Meer (2018) – ist der Grenzgang zwischen Migration, Identität und zwischenmenschlicher Verbindung.

Seit 2022 ist der russisch-ukrainische Krieg zu einem der zentralen Themen dieser AutorInnen geworden. Dieses Thema spiegelt sich beispielsweise im Werk von Julia Solska Als ich im Krieg erwachte. Tagebuch einer Flucht aus der Ukraine (2022), Yevgenia Belorusets Anfang des Krieges. Tagebücher aus Kyjiw (2022), Tanja Maljartschuk Gleich geht die Geschichte weiter, wir atmen nur aus (2022), Yevgeniy Breyger Frieden ohne Krieg (2023), Katja Petrowskaja Als wäre es vorbei. Texte aus dem Krieg (2025) sowie im kürzlich erschienenen Roman Russische Spezialitäten (2025) von Dmitrij Kapitelman wider. In diesen Werken beschreiben die AutorInnen nicht nur die brutale Realität des Krieges, sondern auch die emotionalen und psychischen Auswirkungen des Krieges auf das Individuum sowie den Alltag der Zivilbevölkerung.

Alle genannten AutorInnen verbindet nicht nur ihre biografische Herkunft, sondern auch eine Position der literarischen Vermittlung. Ihre Werke wirken als Brücken zwischen Erinnerungen, Kulturen und Sprachen – sie sind Übersetzungen im doppelten Sinne: sprachlich wie kulturell.

Die große Resonanz, die diese AutorInnen auf dem deutschsprachigen Literaturmarkt erfahren, ist nicht zuletzt auf die ästhetische Qualität und stilistische Eigenständigkeit ihrer Werke zurückzuführen. Insbesondere begegnen wir in den Werken dieser AutorInnen literarischer Mehrsprachigkeit, dem Konzept der Multiperspektivität, dynamischen Raummodellen und Figuren, der Strategie der Mimikry, Spiel bzw. Re- und Dekonstruktion kultureller Auto- und Heterostereotype etc. [Cf. Hausbacher, S. 193-194]. 

Die literarische Mehrsprachigkeit spielt dabei eine besonders zentrale Rolle. Sie erfüllt zahlreiche wichtige Funktionen: Sie verstärkt die kulturelle Hybridität der Figuren, spiegelt reale Mehrsprachigkeitserfahrungen wider und verleiht den Texten Authentizität. In diesen Werken lassen sich sowohl manifeste als auch latente und exkludierte Formen literarischer Mehrsprachigkeit beobachten [Blum-Barth, 2019]. Was die manifeste Mehrsprachigkeit betrifft – also das bewusste Einfügen von Wörtern und Wendungen aus anderen Sprachen neben der dominanten (deutschen) Sprache – so greifen die AutorInnen häufig auf eine Mischung aus Deutsch und Russisch zurück (es sei angemerkt, dass Russisch für fast alle von ihnen die primäre Kommunikationssprache ist). Gleichzeitig lassen sich auch Einsprengsel anderer Sprachen feststellen, etwa aus dem Englischen, Polnischen, Französischen usw. So enthält etwa der Roman Vielleicht Esther von Katja Petrowskaja Fremdspracheneinschübe aus dem Russischen, Englischen, Französischen, Polnischen, Italienischen sowie aus dem Hebräischen und Jiddischen; in den Romanen von Lana Lux finden sich Einschübe aus dem Russischen, Englischen, Französischen und Hebräischen; in den Werken von Marjana Gaponenko – aus dem Russischen, Englischen und Französischen; in den Romanen von Dmitrij Kapitelman – aus dem Ukrainischen, Russischen und Englischen; bei Yevgeniy Breyger – aus dem Ukrainischen, Russischen und Englischen usw. Bemerkenswert ist zudem, dass in nach dem Beginn der großangelegten russischen Invasion veröffentlichten Werken ein deutlicher Anstieg ukrainischer Sprachelemente zu verzeichnen ist, womit die AutorInnen nicht nur die Differenz zwischen der Ukraine und Russland, sondern auch zwischen den Sprachen selbst betonen. Neben dem Sprachmix greifen einige AutorInnen auch zu typografischen Mitteln wie der Kombination von lateinischer und kyrillischer Schrift. 

Auch die räumliche Konstruktion der Texte ist geprägt von dynamischen Raummodellen und mobilen Figuren. Fast alle ProtagonistInnen der genannten Werke sind dynamische Charaktere aus der Ukraine, die sich zwischen verschiedenen Kulturen bewegen und durch hybride Identitäten charakterisiert sind. Ihre Biografien zeigen die Interaktion zwischen Ost und West, zwischen der Ukraine und Deutschland. 

Das Konzept der Multiperspektivität, also das Erzählen aus verschiedenen Blickwinkeln, das unterschiedliche Erfahrungshorizonte sichtbar macht, ist ebenfalls in vielen Werken deutschsprachiger AutorInnen ukrainischer Herkunft klar erkennbar. Besonders deutlich tritt dieses Prinzip in den Romanen von Lana Lux hervor. Auch in den Werken von Marjana Gaponenko – insbesondere in ihrem Debütroman Annuschka Blume (2010) – ist das Fehlen einer einheitlichen Erzählstimme auffällig. 

Ein weiteres charakteristisches Merkmal dieser transnationalen Texte ist das Spiel mit Auto- und Heterostereotypen. Eine Analyse der Werke transnationaler AutorInnen ukrainischer Herkunft, die auf Deutsch schreiben, erlaubt es, charakteristische Vorstellungen über Deutschland und die Ukraine herauszuarbeiten, wie sie literarisch konstruiert und vermittelt werden.

Deutschland wird in diesen Texten häufig mit Wohlstand, Sicherheit und einem sorgenfreien Leben assoziiert. Besonders hervorgehoben werden die Zuverlässigkeit deutscher Produkte sowie die Effizienz, Ordnungsliebe, Präzision und Sauberkeit, die den deutschen Alltag prägen. Auch die Offenheit der deutschen Gesellschaft gegenüber anderen Sprachen, Kulturen und Nationalitäten wird positiv bewertet, was auf eine tolerante und pluralistische Grundhaltung verweist.

Gleichzeitig bleiben gewisse kritische Stereotypen nicht unbeachtet: Die deutsche Bürokratie wird oftmals als schwerfällig und überreglementiert dargestellt. Darüber hinaus werden emotionale Zurückhaltung, zwischenmenschliche Distanziertheit und eine gewisse Härte in sozialen Beziehungen als weniger sympathische Charakteristika betont.

Die literarische Darstellung der Ukraine erfolgt in vielen Werken ambivalent. Einerseits erscheint das Herkunftsland häufig als Land der Tragödien und des Leidens, das durch Armut, politische Korruption und infrastrukturelle Rückständigkeit geprägt ist. Die Allgegenwärtigkeit der russischen Sprache wird ebenso erwähnt, was auf die historischen und politischen Spannungsfelder verweist.

Andererseits zeigen die Texte ein stark emotionalisiertes und kulturell reiches Bild der Ukraine: Die Wärme und Herzlichkeit der Menschen, das tiefe Vertrauen, die Gastfreundschaft sowie die vielfältigen Bräuche und Traditionen werden betont. UkrainerInnen erscheinen als erfinderisch, lebensnah und tief mit ihrer kulturellen Identität verwurzelt.

Darüber hinaus lässt sich in diesen Werken auch eine bewusste Dekonstruktion bestimmter Stereotype beobachten. Besonders deutlich wird dies in den nach dem Beginn der russischen Vollinvasion im Jahr 2022 veröffentlichten Texten, in denen die AutorInnen hervorheben, dass die Ukraine nicht Russland ist und UkrainerInnen nicht gleichzusetzen sind mit RussInnen – ein Stereotyp, das in der deutschen Wahrnehmung lange vorherrschte.

Fazit

Ukrainische Stimmen bereichern die deutschsprachige Gegenwartsliteratur auf vielfältige Weise – sprachlich, thematisch und ästhetisch. Ihre Texte sind Orte der Auseinandersetzung mit den großen Themen unserer Zeit: Krieg, Flucht, Erinnerung, Identität und Sprache. Doch sie sind auch poetische Erfahrungsräume, in denen das Menschliche in seiner Verletzlichkeit, Komplexität und Widerstandskraft sichtbar wird.

Die Literatur dieser AutorInnen bewegt sich zwischen den Kulturen, doch sie gehört nicht „dazwischen“, sondern gehört ganz selbstverständlich dazu – zu einer offenen, pluralistischen und vielsprachigen Literaturlandschaft. Ihre Werke zeigen, dass kulturelle Vielfalt kein Risiko, sondern eine Ressource ist – für die Literatur, die Gesellschaft und die gesamte Welt.

In einer Zeit der politischen Polarisierung und kulturellen Abschottung sind es gerade diese transkulturellen Stimmen, die Brücken bauen, neue Erzählungen schaffen und Räume für Empathie und Erkenntnis öffnen. Der Beitrag ukrainischer AutorInnen im deutschsprachigen Raum ist nicht nur literarisch relevant – er ist auch gesellschaftlich unverzichtbar.

Literaturverzeichnis

  1. Aydin, Yaşar. „Rückkehrer oder Transmigranten? Erste Ergebnisse einer empirischen Analyse zur Lebenswelt der Deutsch-Türken in Istanbul.“ In: Şeyda Ozil, Michael Hofmann, Yasemin Dayıoğlu-Yücel (Hrsg.): 50 Jahre türkische Arbeitsmigration in Deutschland. Göttingen: V & R Unipress, 2011, S. 59–90.

  2. Bischoff, Doerte, und Anja Tippner. „Suchbewegungen: Identität und Mobilität in der neueren europäisch-jüdischen Literatur.“ Yearbook for European Jewish Literature Studies, 5 (1), 2018, S. 1–16.

  3. Blum-Barth, Natalia. „Literarische Mehrsprachigkeit. Versuch einer Typologie.“ In: Florian Kührer-Wielach (Hg.): Ästhetik der Mehrsprachigkeit. Südosteuropäisch-deutsche Sprachkunst. Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, 14 (68)/2, 2019, S. 11–24.

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  6. Hirsch, Marianne. „The Generation of Postmemory.“ Poetics Today. Durham: Duke University Press, 29, Nr. 1, 2008, S. 103–128.

  7. Reisenauer, Eveline. „Transnationale Identitätskonstruktionen im Migrationskontext.“ In: Petia Genkova, Andrea Riecken (Hg.): Handbuch Migration und Erfolg. Wiesbaden: Springer, 2019, S. 1–14.

  8. Tippner, Anja. „Erinnerung und Transnationalität.“ In: Doerte Bischoff, Susanne Komfort-Hein (Hg.): Handbuch Literatur & Transnationalität. Berlin/Boston: De Gruyter, 2019, S. 156–170. https://doi.org/10.1515/9783110340532-009

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