DU Interview mit Dr. Oleksandr Zabirko: Ukraine in der deutschen Wissenschaft nach vier Jahren des großangelegten russischen Kriegs
Vier Jahre nach Beginn des russischen großangelegten Angriffskriegs gegen die Ukraine hat sich nicht nur die Ukraine verändert, sondern auch der Blick auf sie. In der deutschen Wissenschaft wird heute intensiver über die Ukraine geforscht als je zuvor. Doch was bedeutet diese Aufmerksamkeit tatsächlich?
In diesem DU Interview sprechen wir mit dem Mitglied unseres Leitungsgremiums Dr. Oleksandr Zabirko (Universität Regensburg) darüber, wie die Ukraine in der deutschen Wissenschaft wahrgenommen wird.
Was hat sich seit 2022 in der Wahrnehmung der Ukraine in der deutschen Wissenschaft tatsächlich verändert?
Noch in der Zeit der Krim-Annexion 2014 musste man oft Fragen beantworten wie: Ist die Ukraine überhaupt eine souveräne Nation? Ist Ukrainisch nur ein verballhorntes Russisch? Oder hat sie überhaupt eine eigene Geschichte und Kultur? Heute sind solche Debatten in Wissenschaft und Öffentlichkeit weitgehend undenkbar – ein Wandel, der keineswegs selbstverständlich ist.
Welche Narrative über die Ukraine dominieren in der deutschen Wissenschaft seit 2022?
Grundsätzlich sind die Narrative über die Ukraine in der deutschen Wissenschaft sehr disziplinabhängig und meist nicht auf wenige Kernthemen reduzierbar. In der Geschichtswissenschaft stehen andere Fragestellungen im Vordergrund als etwa in der Volkswirtschaftslehre.
In der politisch engagierten Forschung lassen sich jedoch zwei Themenkomplexe erkennen, die meines Erachtens besonders präsent sind. Erstens die ukrainische Resilienz, also die kulturellen, historischen und ökonomischen Ressourcen, die den Widerstand des Landes stützen. Zweitens die Dekolonisierungsperspektive, die den ukrainischen Widerstand in einen breiteren Kontext der Befreiung ehemaliger Kolonien von imperialer Abhängigkeit stellt. Hier geht es insbesondere um die kritische Hinterfragung russozentrischer Perspektiven auf Geschichte, Kultur und Politik der Ukraine.
Der analytische Wert beider Narrative ist in der Forschung jedoch nicht unumstritten, vor allem weil die Grenze zwischen Analyse und politischem Aktivismus dabei leicht verschwimmt.
Wer spricht in der deutschen Ukraine-Forschung?
Traditionell dominierten in der Ukraine-Forschung Geschichtswissenschaft und Philologie, insbesondere die Literaturwissenschaft. Heute sind auch Recht, Wirtschaft und Politikwissenschaft stärker vertreten, sodass die Vielfalt der Perspektiven deutlich gewachsen ist. Gleichzeitig birgt diese Breite die Gefahr der Profanierung: Aufgrund der hohen Aktualität liegt der Fokus oft auf aktuellen Schlagworten oder Mode-Themen, statt auf grundlagenorientierter Forschung.
Wie hat sich die Rolle ukrainischer Wissenschaftler:innen verändert?
Seit 2022 ist die institutionelle Präsenz ukrainischer Wissenschaftler:innen im deutschen akademischen Raum deutlich stärker geworden. Zugleich werden sie aber häufig primär als Zeitzeug:innen des Krieges oder als regionale Expert:innen adressiert, weniger als Theoretiker:innen oder Impulsgeber:innen für methodische Debatten. Die Sichtbarkeit ihrer Forschung bleibt im Verhältnis zu dieser Präsenz vergleichsweise gering. Trotz erhöhter Aufmerksamkeit bestehen strukturelle Asymmetrien fort: Anerkennung findet statt, echte epistemische Gleichberechtigung jedoch nur in einzelnen Fällen.
Was lässt sich im Krieg besonders schwer wissenschaftlich vermitteln?
Die Gleichzeitigkeit von Krieg und Normalität: dass soziale Routinen – einschließlich Forschung und Lehre – in der Ukraine fortbestehen, jedoch unter permanenter existenzieller Bedrohung. Das ist für viele schwer vorstellbar.
Leider nicht weniger schwer vermittelbar ist manchmal die Sinnhaftigkeit des ukrainischen Widerstands an sich. Auch wenn dessen Notwendigkeit rational begründet werden kann, gilt diese Begründung für manche als ethisch problematisch und wird vorschnell als Kriegspropaganda diskreditiert. Dies verweist auf eine in der deutschen Wissenschaft tief verankerte Skepsis gegenüber militärischer Gewalt, aber auch auf die oft unhinterfragte Normativität einer vermeintlich neutralen Haltung.
Dr. Oleksandr Zabirko
Oleksandr Zabirko ist Akademischer Rat auf Zeit am Institut für Slavistik der Universität Regensburg und Mitglied des Leitungsgremiums des Forschungszentrums „Denkraum Ukraine“. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in literarischen Modellen räumlicher und politischer Ordnung, der zeitgenössischen russischen und ukrainischen Literatur sowie der spekulativen Literatur im Allgemeinen. Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen zählen Literarische Formen der Geopolitik: Raum- und Ordnungsmodellierung in der russischen und ukrainischen Gegenwartsliteratur (2021) und Figurationen des Ostens (2022, als Mitherausgeber). Zudem ist er Mitglied der Herausgebergremien der Journal of European Studies und der Buchreihe Ukrainian Voices.