DU Interview: Krieg, Erinnerung und Emotionen. Vom Balkan bis zur Ukraine
Drei Jahrzehnte nach den Balkankriegen erlebt Europa einen neuen bewaffneten Konflikt in der Ukraine. Nach seinem jüngsten Forschungsaufenthalt in Lwiw (Ukraine) teilt der Sozialanthropologe Prof. Dr. Ger Duijzings (Universität Regensburg, seeFField) seine Beobachtungen zur Kriegsdokumentation und Erinnerung, zur Rolle von Emotionen sowie zur Arbeit von Forschenden, die Gräueltaten in der Ukraine untersuchen.
Wenn Sie den Krieg in der Ukraine verfolgen, werden Sie dabei manchmal an die Balkankriege erinnert? Welche Gemeinsamkeiten oder Unterschiede fallen Ihnen persönlich auf, wenn Sie diese beiden Konflikte betrachten?
Als 2022 die Vollinvasion ausbrach, wurde ich unwillkürlich in die frühen 1990er Jahre zurückversetzt, als Serbien begann, Gebiete in den Nachbarrepubliken Kroatien und Bosnien zu erobern und ethnisch zu säubern. Ich erkannte fast sofort die Parallelen: Eine Nation, die nach Hegemonie strebt, versucht, so viel Territorium wie möglich für sich zu beanspruchen – auf Kosten aller anderen und ungeachtet der Verluste an Menschenleben. Ein wesentlicher Unterschied besteht darin, dass es sich im Falle Russlands um eine stark verzögerte Reaktion auf den Zusammenbruch eines ehemaligen multinationalen sozialistischen Staates handelt.
Die Art und Weise, wie Kriege dokumentiert werden, hat sich dramatisch verändert. Während der Balkankriege spielte das Fernsehen eine sehr einflussreiche Rolle. Derzeit sind Smartphones, Satelliten und soziale Medien bei der Dokumentation des russischen Krieges gegen die Ukraine von Bedeutung. Wie ist Ihr Eindruck von diesem Wandel? Sehen Sie darin eher eine Chance oder eine Herausforderung für die faire Dokumentation von Kriegsereignissen?
Ich sehe darin in gewisser Weise einen Vorteil, bin mir aber natürlich auch der verschiedenen Risiken und Fallstricke bewusst, die dieses digitale Medienumfeld mit sich bringt. Ich glaube, dass der russische Krieg gegen die Ukraine dank der Verfügbarkeit von sozialen Medien und den verschiedenen Online-Medienquellen viel genauer verfolgt werden kann, als dies im ehemaligen Jugoslawien der Fall war. Soziale Medien haben zudem zu einer „Demokratisierung“ der Kriegsberichterstattung geführt, sogar des Alltagslebens in einem Land im Krieg: Wir können die konkreten Auswirkungen vor Ort direkter sehen und beobachten, sowohl was das Leid als auch den Widerstand betrifft.
Glauben Sie, dass die Ukrainer, die gerade einen andauernden Krieg durchleben und sich naturgemäß auf ihre eigenen Erfahrungen konzentrieren, derzeit in der Lage sind, Lehren aus den Balkankriegen zu ziehen?
Als ich Anfang Juni 2026 in Lwiw an einer Podiumsdiskussion teilnahm, betonten einige ukrainische Kolleg:innen die Vorteile solcher historischen Vergleiche, doch die meisten Menschen befinden sich im Grunde genommen im Überlebensmodus – das verstehe ich vollkommen und kann es ihnen nicht übelnehmen. Dies ist nicht der richtige Zeitpunkt, um die eigenen Erfahrungen mit denen eines früheren Konflikts in einem anderen Teil Europas zu vergleichen. Das wird vielleicht erst später möglich sein, wenn der Krieg vorbei ist. Ich bin jederzeit bereit, zu einer solchen Diskussion beizutragen.
Sie beschäftigen sich derzeit mit der Rolle von Emotionen in Konflikten. Wenn Sie auf die Balkankriege zurückblicken: Was haben Sie darüber gelernt, wie Emotionen die Art und Weise prägen, wie Menschen im Laufe der Zeit über Krieg sprechen?
In meiner Forschung beschäftige ich mich insbesondere mit dem, was ich als „dunkle Emotionen“ bezeichne, wie Groll, Hass und Neid. Sie sind wichtige Faktoren dafür, wie Kriege geführt oder gerechtfertigt werden. Normalerweise beschränken wir uns auf kognitive Aspekte wie Ideologie, aber ich behaupte, dass die Täter von starken Emotionen getrieben werden, die kollektiv geprägt und gerahmt sind.
Sie haben kürzlich an einem Symposium in der Ukraine teilgenommen. Was hat Sie am meisten überrascht oder beeindruckt? Ist Ihnen etwas an der Arbeit der ukrainischen Forschenden und Ermittler:innen vor Ort besonders aufgefallen?
Ich war beeindruckt von der Widerstandsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit der Menschen. Das Leben geht weiter, die Arbeit geht weiter, und trotz allem gibt es Hoffnung und Lebenskraft. Der Krieg hinterlässt zwar vielfältige Spuren, selbst in einer Stadt wie Lwiw, die weit von den Frontlinien entfernt ist. Ich war auch angenehm überrascht von der sehr offenen Diskussionskultur bei der Veranstaltung, an der ich teilgenommen habe. Die Menschen brachten unterschiedliche Standpunkte zum Ausdruck und waren in der Lage, einander zuzuhören.
Bildet sich in der Ukraine bereits eine Erinnerungskultur rund um den Krieg heraus? Wenn ja, was hat Sie daran am meisten beeindruckt?
Da ich kein Ukrainisch spreche, habe ich nach materiellen Formen des Gedenkens gesucht, also nach solchen Formen, die nicht „verbal“ oder „gesprochen“ sind. Mein Besuch auf dem Marsfeld an einem Sonntagnachmittag hat einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen, als ich Familien sah, die die Gräber ihrer Angehörigen besuchten. Die Gräber waren sehr individuell gestaltet, jedes einzelne war ein einzigartiges Denkmal für ein Familienmitglied. Überall auf dem Friedhof standen zahlreiche Fahnen und Bänke neben den Gräbern, doch darüber hinaus waren die persönlichen Gegenstände wie Blumen und Fotos der Verstorbenen sowie andere Kleinigkeiten wie Kinderspielzeug und Lieblingssüßigkeiten äußerst bewegend. Ich wünschte, dieser individuelle Charakter dieser Denkmäler könnte erhalten bleiben, doch natürlich gibt es Pläne, den Soldatenfriedhof zu vereinheitlichen, wie es bei solchen Friedhöfen oft der Fall ist.
Ger Duijzings
Ger Duijzings ist Professor für Sozialanthropologie mit Schwerpunkt Südost- und Osteuropa an der Universität Regensburg. Er verfügt über umfangreiche Feldforschungserfahrung im Kosovo (1986–1992), in Bosnien (1997–2002) und in Rumänien (seit 2009). Er forschte zu den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien sowie zu städtischen Wandlungsprozessen in postsozialistischen Städten. Eine Liste seiner Veröffentlichungen finden Sie unter: https://orcid.org/0000-0003-3711-4530.