DU Interview: Ukrainische Migration nach Bayern: Geschichte, Gegenwart und Unterstützung für die Ukraine nach vier Jahren russischer Vollinvasion
Seit Beginn der russischen Vollinvasion in der Ukraine 2022 ist über eine Million Menschen aus der Ukraine nach Deutschland geflohen. Dies hat Auswirkungen in vielen Kommunen und Städten. Historisch gesehen gab es jedoch im 20. Jahrhundert mehrere ukrainische Fluchtbewegungen nach Deutschland. Wiederholt sich also jetzt die Geschichte? Und welche Bedeutung hat Bayern für die aus der Ukraine Geflohenen?
Diesen Fragen geht das Gespräch unseres Medienfellows Burkhard von Grafenstein mit dem Mitglied unseres Leitungsgremiums Prof. Dr. Katrin Boeckh auf den Grund, das auch einem von Burkhard von Grafenstein verfassten Artikel über die Ukraine-Hilfe in Bayern zugrunde lag (siehe „Regensburger Zeitung“ vom 27. Juni 2026 sowie auf Idowa.
Burkhard von Grafenstein: In Bayern halten sich etwa 179.000 Ukrainer auf. Wie lange gibt es schon ukrainische Migration nach Bayern und was waren bedeutende Migrationsschübe und -ursachen?
Katrin Boeckh: Die Migration von Ukrainern nach Bayern ist mehr als ein Jahrhundert alt. Nach dem Scheitern der ukrainischen Eigenstaatlichkeit nach dem Ersten Weltkrieg kamen politische Emigranten. Im Zweiten Weltkrieg waren es Zwangsarbeiter – das waren vor allem Frauen aus der Ukraine, die sogenannten „Ostarbeiter“ – sowie Kriegsgefangene. Eine Anzahl von ihnen blieb als Displaced Persons (DPs). Weitere Kriegsflüchtlinge, die der sowjetischen Herrschaft vor allem in der sowjetisch gewordenen (vorher polnischen) Westukraine entgehen wollten, kamen nach 1945 bis etwa 1952. Ein Sammelpunkt war Bayern, von hier ging es aber wiederum für viele weiter nach Übersee. München wurde ein Zentrum: Die Ukrainische Freie Universität als Exiluniversität siedelte sich 1945 nicht ohne Grund dort an. In Regensburg ist es vor allem die Ganghofersiedlung, die als ehemalige ukrainische Wohnsiedlung noch im lokalen Gedächtnis ist; immerhin beherbergte sie nach dem Zweiten Weltkrieg einige (wenige) Tausend Ukrainer. Eine erneute ukrainische Migration nach Bayern erfolgte nach der ukrainischen Unabhängigkeit 1991. Somit bestand bereits eine historisch gewachsene und politisch aktive ukrainische Emigration in Bayern, als der 2014 erfolgte militärische Zugriff Russlands auf die Ostukraine und die Krim eine erneute Fluchtbewegung auslöste, die mit dem russischen Vollangriff 2022 verstärkt wurde. Diese letzte Fluchtbewegung erfasste vor allem Frauen und Kinder. Sie hat daher ähnliche Züge wie jene der deutschen Vertriebenen nach 1945/46.
Burkhard von Grafenstein: Eine der bekanntesten Exilanten in Bayern war der ukrainische Nationalist Stepan Bandera, der 1959 in München vom KGB ermordet wurde. Ist die Mehrzahl der frühen Emigranten aus solch umstrittenen Zusammenhängen im Zweiten Weltkrieg gekommen?
Katrin Boeckh: Die Gleichsetzung der ukrainischen Emigration mit Persönlichkeiten wie Stepan Bandera wäre historisch verkürzend. Unter den nach 1945 in Bayern lebenden Ukrainern befanden sich zwar Nationalisten, aber ebenso ehemalige Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, Vertriebene und Menschen, die eine Rückkehr in die Sowjetunion aus Angst vor Repressionen ablehnten. Die ukrainischen DPs in Bayern waren politisch und sozial sehr inhomogen zusammengesetzt. Bandera und die Organisation Ukrainischer Nationalisten waren zwar öffentlich sichtbar, repräsentierten aber nicht die gesamte Emigrantengemeinschaft. Die ganze Emigration mit dem Bandera-Milieu gleichzusetzen, ist historisch falsch, genauso wie die russische Propaganda falsch liegt, wenn sie versucht, die ukrainische Regierung als „Nazis“ und „Banderisten“ zu diffamieren. In diesem Zusammenhang sei noch darauf hingewiesen, dass sich die sowjetische Praxis der Ermordung von Kreml-Gegnern im Ausland bis heute gehalten hat und als selbstverständlich zulässiges politisches Mittel angewendet wird.
Burkhard von Grafenstein: Ist die westliche Hilfe für die Ukraine von kriegsentscheidendem Wert im Konflikt mit Russland?
Katrin Boeckh: Die westliche Unterstützung ist für die Ukraine von zentraler Bedeutung, vor allem bei unsicherer und ausbleibender US-amerikanischer Hilfe. Ohne die Lieferung moderner Waffen, Verteidigungssysteme und die Bereitstellung finanzieller Hilfen wäre es für die Ukraine schwieriger, ihre Verteidigungsfähigkeit aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig wird aber in diesen Wochen sichtbar, dass die Ukraine selbst für ein Momentum der Kriegsführung gesorgt hat, weil sie eigene wirksame Waffen herstellen kann und diese geschickt einsetzt, um die russische Ökonomie, die nahezu monopolhaft auf dem Export von Öl und Gas angewiesen ist, nachhaltig zu schädigen. Kriegsentscheidend sind daher neben ausländischer Hilfe die ukrainische Innovationskraft und das effektive Vorgehen gegen dezidiert erkannte Schwachpunkte der russischen Kriegsführung und -wirtschaft.
Bildnachweis: mit freundlicher Genehmigung von Hromada Regensburg; Autorin: Julia Dragan
Burkhard von Grafenstein: Schätzen Sie die humanitäre und infrastrukturelle Hilfe des Westens, wie sie aus Regensburg geleistet wird, als einen relevanten Faktor zur Aufrechterhaltung der ukrainischen Resilienz im Krieg ein? Hat sie eher materielle oder eher psychologische oder doch nur symbolische Bedeutung? Wie wird sie in der ukrainischen Gesellschaft wahrgenommen?
Katrin Boeckh: Die Resilienz der Ukrainer speist sich zu einem großen Teil aus ihrer eigenen Geschichte, ihren traditionellen Überzeugungen und Erfahrungen. Dennoch zeigt sich jetzt, im fünften Jahr des Kriegs, eine Kriegsmüdigkeit, was aber nicht bedeutet, dass die Ukrainer den Krieg zu jedem Preis beenden wollten. Vor allem in dieser Situation ist humanitäre Hilfe aus dem Westen und aus Partnerstädten, etwa aus Regensburg nach Odessa, mehr als nur materielle Unterstützung. Sie zeigt den Gemeinden in der Ukraine, dass sie weiter im Bewusstsein ihrer deutschen Partner sind und dass sie international nicht allein gelassen werden. Lokale Initiativen schaffen direkte persönliche Beziehungen zwischen Helfern und Empfängern, was das Vertrauen in die europäische Solidarität stärkt. Das hat mehr als einen symbolischen Wert, weil es die Psyche stärkt. In der ukrainischen Gesellschaft wird diese Hilfe positiv wahrgenommen, weil ihr unmittelbarer und lokaler Nutzen oft schnell sichtbar wird. Vielleicht wird die kommunale Hilfe sogar positiver bewertet als die große Politik, in der oft viel geredet und versprochen wird.
Burkhard von Grafenstein: Welche Rollen spielen ukrainische Migrantennetzwerke und -Organisationen in der Unterstützung der Ukraine aus dem Westen, besonders aus Bayern? Beispielsweise arbeitet die „AG Ukrainehilfe“ in Regensburg mit dem 1951 gegründeten „Ukrainischen Pfadfinderbund in Deutschland“ (Plast) zusammen.
Katrin Boeckh: Ukrainische Vereine, Kirchengemeinden, Kulturzentren und Jugendorganisationen bilden wichtige Brücken zwischen Deutschland und der Ukraine. Sie sammeln Spenden, organisieren Hilfstransporte, vermitteln Unterkünfte und unterstützen Geflüchtete bei der Integration. Die Aktivitäten ukrainischer Organisationen im Ausland entsprechen dem Engagement der ukrainischen Zivilgesellschaft im Land selber, die eine wirkliche Zivilgesellschaft ist. Sie sieht sich als unabhängig von Staat und Politik und hat es in immerhin zwei Bewegungen, nämlich der Orangenen Revolution 2004/05 und der Revolution der Würde 2013/14, geschafft, die Ukraine auf den Weg zur Demokratie zurückzuführen. Diese Form der Selbstorganisation, die nicht unbedingt eine Führungsfigur benötigt, ist für die ukrainische Gesellschaft historisch typisch und ein wichtiger Bestandteil dessen, was wir als „Resilienz“ einordnen. Diese Erfahrungen in der Ukraine zeigten auch, dass bürgerliche Partizipation Politik bewegen kann – diese Erfahrung gibt es in Russland nicht.
Burkhard von Grafenstein: Welches Verhältnis haben die ukrainischen Emigranten untereinander und zum ukrainischen Mutterland? Sind sie stark organisiert und vernetzt, passen sie sich schnell ihren Aufnahmeländern an oder halten sie stark an ihrer Identität fest?
Katrin Boeckh: Die ukrainische Diaspora war immer stark mit dem Herkunftsland verbunden, auch wenn sie politisch und regional keineswegs einheitlich ist. Die modernen Kommunikationsmöglichkeiten und soziale Medien ermöglichen einen engen Kontakt zur Ukraine und den dortigen aktuellen Entwicklungen. Viele Familien pflegen weiter ihre ukrainische Sprache, Kultur und Traditionen, können sich aber gleichzeitig pragmatisch an die neue Umgebung anpassen und wollen sich im Arbeitsmarkt und im Bildungssystem integrieren. Sie sehen ihre ukrainische Identität als Teil einer europäischen Identität.
Burkhard von Grafenstein: Gibt es eine längere Tradition von Hilfe aus Bayern für die Ukraine schon vor dem russischen Großangriff auf die Ukraine 2022 und woran machte sich diese fest?
Katrin Boeckh: Die bayerischen Kontakte mit der damals noch sowjetischen Ukraine begannen gegen Ende der Sowjetunion. 1988 schloss die Universität Regensburg einen Vertrag mit der Universität in Odessa. Die Stadt München hat seit 1989 eine Partnerschaft mit der ukrainischen Hauptstadt Kyiv. 1990 wurde die Städtepartnerschaft zwischen Regensburg und Odessa besiegelt, zudem die Städtepartnerschaft zwischen Nürnberg und Charkiv. Vor allem mit der ukrainischen Unabhängigkeit 1991 entwickelten sich dann kommunale, kirchliche und zivilgesellschaftliche Partnerschaften zwischen Bayern und ukrainischen Regionen und Institutionen. Hier ist etwa das Bayerische Haus in Odessa zu nennen, das 1993 als Deutsches Kultur- und Begegnungszentrum von der Bayerischen Staatsregierung gegründet wurde. Das Nürnberger Haus in Charkiv folgte 1995. Nach der Annexion der Krim und dem militärischen Übergriff auf den Donbass ab 2014 nahmen Hilfsaktionen deutlich zu; Vereine sammelten medizinische Ausrüstung und humanitäre Güter. Auch ukrainische Diasporaorganisationen in Bayern engagierten sich bereits vor 2022 für Bildungs-, Kultur- und Hilfsprojekte. Der Großangriff Russlands führte daher zu einer Ausweitung bereits bestehender Hilfsstrukturen.
Burkhard von Grafenstein: Glauben Sie, dass die Ukraine-Hilfe aus dem Westen und durch die ukrainischen Auslandscommunitys auch bei noch sehr langer Fortdauer des Kriegs aufrechterhalten wird oder doch erlahmen könnte?
Katrin Boeckh: Bei der langen Kriegsdauer ist sicherlich mit einer Ermüdung von Öffentlichkeit und Spendern zu rechnen, das zeigt sich auch bei anderen langwierigen Konflikten. Gleichzeitig verfügt die ukrainische Diaspora über starke persönliche Bindungen zur Heimat und dort lebenden Verwandten, wodurch ihr Engagement länger anhalten wird als das allgemeine öffentliche Interesse. Institutionalisierte Netzwerke, Vereine und Partnerschaften erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer langfristigen Unterstützung erheblich. Auch sind die Zerstörungen und Kriegstoten in der Ukraine nach russischen Raketen- und Drohnenangriffen weiter medial in der Bundesrepublik jedem vor Augen. In meiner Kirchengemeinde gibt es bei jedem Gottesdienst eine Fürbitte für einen gerechten Frieden in der Ukraine und in anderen Kriegsgebieten. Solange die Ukraine auf Unterstützung angewiesen bleibt, ist daher eher von einer Veränderung der Formen der Hilfe als von einem vollständigen Wegfall auszugehen. Ein solcher wäre fatal, denn Europa muss seine Sicherheitsinteressen in der Ukraine weiter fördern angesichts des bestehenden hybriden Kriegs, den Russland gegen den Westen führt.
Katrin Boeckh
Prof. Dr. Katrin Boeckh ist Senior Researcher am Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg (Deutschland) und Professorin für Ost- und Südosteuropäische Geschichte an der LMU München. Im Rahmen von „Denkraum Ukraine“ / „Think Space Ukraine“ koordiniert sie den Themenbereich Flucht, Migration und Wertetransfer.
Burkhard von Grafenstein
Burkhard von Grafenstein ist als freier Journalist, Fotograf und Autor tätig. Er veröffentlichte journalistische Beiträge u.a. in: Mittelbayerische Zeitung, Regensburger Zeitung, Idowa, Onetz, Regensburg Digital, Der Spiegel. Dabei befasste er sich immer wieder mit Themen zu Russland und der Ukraine.